Zu jung für den Tod, zu alt fürs Leben.
Widerstand für sichtbares Altern.

Neulich stand ich etwas ratlos aussehend in einem Geschäft. Neben mir eine Frau, die hoffnungsvoll in der einen Hand einen praktisch-schicken Hosenanzug in einem satten Pink, in der anderen eine Bluse in der Trendfarbe Butter Yellow hielt. Deutlich einige Jahrgänge älter als ich. Aha, der demonstrative Gegenentwurf zu mir, dachte ich lakonisch.

„Für den Frühling, etwas Frisches!“, sagte ich beschwingt zu der Dame undefinierbaren Alters, die erwartungsvoll lächelnd auf mich zuschritt. Sie musterte mich und griff zielsicher ins Regal – und hielt mir ein blassrosa Polohemd, eine fliederfarbene Hose und eine beige Übergangsjacke mit vielen Taschen unter die Nase. „Passt zu Ihrem Typ“, meinte sie. „Sie sind ein Frühlingstyp!“, ergänzte sie wissend. „Sehr beliebt“, sagte sie auch noch, als müsste sie sich und mich bestätigen.

Ich schaute in den Spiegel. Tja, Frühling. Tja, beige. Sie machte aus mir auf der Stelle eine Frau, die samstags in der Stadt einen Schaufensterbummel macht, sich danach Kaffee und Kuchen gönnt und den Abend vorm Fernseher verbringt. Am Sonntag geht es in den Gartencenter und danach den Nachbarn stolz den neuen Topf Lavendel zeigen. So sieht Resignation aus – und verkauft sich gut.

„Haben Sie was in Schwarz?“, fragte ich mit einem demonstrativen Blick an mir herunter und wieder herauf. „Ein frisches Frühlingsschwarz vielleicht, leicht und frisch wie das Leben nach dem Winter. Oder ein fröhliches Grau, das nicht nach Kompromiss aussieht, sondern nach Haltung.“ Die Verkäuferin zögerte leicht verunsichert. Als hätte ich um einen Minirock aus Glitzersteinchen gebeten oder etwas Ungehöriges gesagt. Sie druckste rum, dann fand sie tatsächlich etwas Dunkles, Schlichtes, Schönes. Ich zog es an und sah aus wie ich. Keine Rentnerin, keine Trutsche – einfach eine Frau, die sich traut, nicht im Sortiment der Resignation zu landen.

Jetzt hat es mich also auch erwischt, denke ich beim Herausgehen. Dabei bin ich gar nicht alt. Ich bin über 50. Das ist doch das neue 40, sagen sie. Aber nur auf Werbeplakaten. In Wirklichkeit gilt eine Frau über 50 als personifiziertes Update-Problem: läuft zwar gerade noch, bekommt aber keine neuen Funktionen mehr. Ich werde mit dieser sonderbaren Mischung aus Respekt und Mitleid angelächelt, als hätte ich im Krieg gedient, statt einfach nur den Modem-Boom erlebt.

Nun soll ich beige sein. Es gibt Farben, die mehr über eine Gesellschaft verraten als jedes Wahlprogramm. Ich habe gehört, spätestens ab 50 werde der Mensch langsam beige. Innen und außen. Die Haare bleichen aus, der Teint wird fahl, der Kleiderschrank soll mithalten. Beige Pullover, beige Westen, beige Übergangsjacken, beige Halbschuhe – das textilgewordene Einverständnis mit der Unsichtbarkeit.

Beige als inoffizielle Uniform der Generation 50+. Beige tarnt, beruhigt, verschmilzt mit Pflastersteinen, Autositzen und Sonntagnachmittagen. Beige ist die diplomatischste aller Farben: niemals laut, immer angepasst, stets korrekt. Wer beige trägt, hat innerlich schon das Kundenkartenprogramm des Lebens angenommen. Manchmal denke ich, Beige ist gar keine Farbe, sondern eine Gesellschaft, die signalisiert: „Sei bitte leiser, unauffälliger, angepasst.“

Irgendwann scheint ein Algorithmus beschlossen zu haben, dass Menschen über 50 nur noch in Farben ohne Aussage durchs Leben zu gehen haben: unauffällig, pflegeleicht, wetterfest, atmungsaktiv. Die Botschaft: Ab einem bestimmten Alter soll man/frau verschwinden. Übergangsjacken sind das Symbol dafür: nicht Fisch, nicht Fleisch, irgendwo zwischen früher und vorbei. Sie heißen so, weil wer sie anzieht, zieht sie nicht wieder aus. Und wer sie trägt, merkt kaum, dass er sich aus der sichtbaren Welt verabschiedet hat.

Früher wurde Erfahrung geschätzt. Heute ist sie eine Art Ballast. Wer zu viel weiß, hat angeblich zu viele Erwartungen. Wer lange gearbeitet hat, soll Platz machen für die jungen Menschen, die sich nicht gesehen fühlen und dabei uns übersehen. Wer über 50 ist, trägt kollektiv die Schuld an allem. Wer etwas erlebt hat, ist oldschool und trägt Beige.

Dabei könnten wir Älteren es uns leisten, zu leuchten. Ein kräftiges Schwarz, ein aufrechtes Grau, ein strahlendes Dunkelblau, ein geheimnisvolles Dunkelgrün – Kontraste, die keinen Rückzug zeigen. Aber Modeindustrie und Gesellschaft flüstern gemeinsam: „Mach es dir bequem, sei unauffällig.“ Beige ist ein Statement der Selbstbeschränkung. Und vielleicht der eleganteste Weg, zu verschwinden, ohne dass es jemand merkt.

Das Komische ist: Je mehr wir uns und andere ausgrenzen, desto weniger merken wir, dass wir uns selbst schwächen. Gesellschaftlich, wirtschaftlich, menschlich. Die grauen Köpfe sind nicht das Problem, sie sind ein Gedächtnis. Und ein Gedächtnis sollten wir pflegen, nicht löschen.

Doch solange ich in fröhlichem Grau und frischem Schwarz unterwegs bin, weiß ich: Es gibt auch jenseits der 50 noch Stil und – Farben mit Rückgrat. Und falls mich jemand fragt: Ja, das ist mein persönliches Statement. Anti-Beige. Pro-Sichtbarkeit. Pro-Aging! Innen und außen.

Beige trägt man nicht, Beige wird man. Frau auch.

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