Auf den Punkt

Manchmal höre ich mich seufzen, heute zum Beispiel. Ich scrolle durch Social Media, wie man das so eben tut, ohne Ziel, aber mit Resthoffnung auf Sinn und bleibe an einem Satz hängen:

Menschen unter 25 empfinden den Punkt am Satzende als passiv-aggressiv. Als abweisend. Als ein Ende mit Nachdruck. Ich lese das zweimal. Punkt. Passiv-aggressiv. Das Satzzeichen, nicht der Mensch. Angeblich klingt „.“ inzwischen wie „So. Gespräch beendet. Fresse zu.“

Wirklich? Das kleine runde Ding, das seit Jahrhunderten brav Sätze abschließt, ist jetzt ein Kommunikationsverbrechen? Dieses unscheinbare Korn am Ende eines Gedankens soll klingen wie ein Türknallen? Punkt gleich unfreundlich, gar frustriert? Und was ist dann höflich – ein Ausrufezeichen zur Beruhigung? Oder gleich 3 oder 5? Ein Emoji mit freundlich wachsamem Lächeln, damit ich nicht missverstanden werde? Oder einfach gar nichts. Weil wo nichts ist, kann auch nichts werden?

Ich überlege. Wie bitte schön soll ich noch kenntlich machen, dass ein Satz fertig ist – ohne gleich verdächtigt zu werden, beleidigt oder altmodisch zu sein? Heißt das, ich soll künftig mit Ausrufezeichen winken („Hallo! Ich bin nett!“) oder mit Smileys jonglieren, um meine innere Sanftheit zu beweisen? Wenn ich ein Ausrufezeichen setze, fühle ich mich wie ein Feldwebel. Emojis wirken wie bunte Alibis. Vielleicht lieber gar kein Satzende mehr, dafür Sätze, die laufen und laufen, wie diese ewigen Sprachstreams von Leuten, die nie zu Atem kommen.

Aber irgendwas in mir wehrt sich. Ein Punkt ist kein Statement. Er ist ehrlich. Er sagt: Das war es. Jetzt kommt der nächste Gedanke. Das nächste Thema. Ohne Drama. Ohne Drohung. Ohne Filter. Ohne Stress. Ohne Druck. Nur Sprache – erschöpft, aber aufrecht.

Der Punkt, dieses kleine schwarze Quadrat der Gewissheit, hat es schwer. Er soll weg, er wird weggelassen. Er ist nicht offiziell weg. Es gibt keinen Beschluss, keine Reform, kein Gesetz. Der Punkt wird einfach weggelassen. Als wäre er lästig oder unhöflich. Wie eine alte Gewohnheit, die niemand mehr erklären kann. Es bleiben Sätze, die ins Nirgendwo laufen, mit einem Hauch jugendlicher Nonchalance, als käme noch was. Nur: Es kommt nichts mehr.

Im digitalen Raum muss alles schneller, leichter, offener sein. Der Punkt gilt plötzlich als Schluss, wo doch ständig alle „im Gespräch“ bleiben wollen und sind. Wer heute schreibt, lässt lieber offen. Das wirkt anschlussfähig, locker, modern und reichlich unverbindlich.

Der Punkt ist das kleinste Zeichen der Autorität, das wir haben. Er sortiert, beendet, bringt zur Ruhe. Und genau das ist ihm zum Verhängnis geworden. Ruhe gilt als verdächtig. Stille irritiert. Wer noch Punkte setzt, wirkt resolut, womöglich gar unnahbar. Ein Satz mit Punkt — das ist ein Händedruck mit festem Griff. In Zeiten des digitalen Dauerzwitscherns wirkt das fast schon aggressiv.

Die Jüngeren tippen lieber ohne. Sie wollen, dass alles fließt, dass jeder Gedanke eine Einladung bleibt. Der Punkt sei „zu hart“, heißt es. Zu definitiv. Aber was bleibt, wenn alles nur „so ungefähr“ ist? Eine Landschaft aus Halbsätzen, die sich vor Entscheidungen drücken. Sprache wird zum Nebel, Argumente zum Dunst.

Ohne Punkt verliert ein Satz seine Haltung, eine Aussage an Aussage. Ein Gedanke steht da wie jemand, der nicht weiß, ob er bleiben oder gehen soll. Ein Gedanke ohne Punkt ist ein Gedanke ohne Rückgrat. Keine Entscheidung, kein Abschluss, nur ein Schweben im endlosen „Vielleicht …“. Der Punkt sagt: „So ist es.“ Er zwingt Schreibende zur Verantwortung, zum Geständnis, dass ein Gedanke auch enden darf.

Und das ist im Grunde das, was heute so vielen Sätzen fehlt: der Mut zum Ende. Der Punkt ist kein Machtzeichen, er ist ein Akt der Selbstachtung. Ein Punkt ist Würde im Miniaturformat. Wer ihn weglässt, riskiert das große Schwimmen im Meer der Unverbindlichkeit, wo jedes Wort so tut, als könne alles ewig weitergehen.

Vielleicht ist der Punkt nicht das Ende, sondern der Anfang von Klarheit. Ein kleiner schwarzer Widerstand gegen die Welt des Dauer-Grauens, den Zwang der Selbstdarstellung. Unaufdringlich zwingt er uns, einmal tief Luft zu holen und zu sagen: „Ja, das meine ich so.“ Und das ist in diesen Zeiten schon fast revolutionär.

2 Gedanken zu „Auf den Punkt“

  1. Die spinnen, die Jungen *g*
    Nee, mal ehrlich – wie soll den kenntlich gemacht werden, daß ein Satz beendet ist, bitteschön?
    Immer nur mit unsicherem, offenem …..
    Ich denke, da hat sich ein Journalist ein Thema selbst erfunden. Und muß auch nicht jedem Trend, so es ihn überhaupt gibt, hinterherlaufen.
    Punkt.

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