Der Göppel

Es gibt Wörter, die erklären nichts und treffen trotzdem. Göppel ist so ein Wort. Ein Wort, das vielleicht nicht jede:r versteht, aber fast jede:r schon mal gefühlt hat. Es ist ein Wort, das nach Werkstatt riecht, nach nassem Asphalt und nach Fluchen an einem Dienstagmorgen.

Der Göppel ist das Fahrrad, das längst zu alt ist, um noch schön genannt zu werden, und zu nützlich, um abgeschafft zu werden. Es ist das Rad mit dem durchgesessenen Sattel, der quietschenden Kette und dem Bremszug, der im Notfall mindestens dreimal gezogen werden muss.

Der Göppel ist kein Fahrzeug, der Göppel ist ein Zustand. Er ist ein Arbeitsgerät, eine Gewohnheit, eine kleine Rebellion gegen die fix und fertige Welt. Es ist das Fahrrad, das keiner mehr haben will. Es rattert, es klappert, es zieht leicht nach links, wenn du beschleunigst. Und trotzdem steigst du jeden Tag wieder drauf.

Der Göppel ist das Auto, das nur noch bei jedem zweiten Startversuch anspringt. Du verfluchst es, und du liebst es. Du hast dich daran gewöhnt und siehst du die Fehler nicht mehr. Du siehst nur noch: Es funktioniert. Mehr oder weniger. Und es ist meins. Vertraut wie alte Schuhe und genauso bequem.

Im Göppel steckt mehr Geschichte als in jedem teuren Auto. Es hat die Schulzeit überlebt, die Jugendliebe, die Umzüge, die Pannen und jedes Wetter. Es ist der Stoff, aus dem die kleinen Legenden gemacht werden: Der Moment, als du im Schneeregen durch die Innenstadt geflucht hast, weil die Kette wieder einmal abgesprungen ist.

Der Göppel ist gescheiterter Optimismus. Er war mal neu, dann wurde er alt, dann wurde er gut, jetzt ist er einfach da. Es ist kein Objekt der Begierde, es ist ein Objekt der Gewohnheit. Es steht hinter dem Haus, in der Tiefgarage, in der dunklen Ecke vom Keller. Es ist schlicht da.

Im Göppel steckt das Geheimnis aller Dinge, die nicht mehr funktionieren sollten, aber immer noch funktionieren. Es ist die kleine Rebellion gegen Perfektion. Es ist der Beweis, dass du mit wenig viel machen kannst – wenn du es nur willst. Wenn du es nur lange genug behält. Und dich nicht von vermeintlicher Perfektion blenden lässt.

Der Göppel ist die kleine, gelebte Demokratie: Es macht keinen Unterschied, ob du Rektor:in oder Rentner:in bist – wenn der Göppel streikt, streikt er halt. Und wenn er läuft, bist du frei. Darum lieben wir ihn: Weil er uns jeden Tag aufs Neue erinnert, dass das Leben nicht perfekt ist.

Der Göppel lehrt Geduld und Demut: Du beherrschst nicht die Welt, vielleicht bestimmst du aber über den einen Moment. Weil: Ohne Göppel wärst du in der Bahn, im Stau, im Gedränge – und hättest trotzdem nichts gewonnen. Er ist ein kleines Wunderwerk aus Schrauben und Rost, der trotz allem noch rollt.

Linguistisch gesehen ist Göppel ein Diglossie-Wort: Es gehört nicht zum feinen Schreibstil, es ist ein eher derbes Wort – gehört in die Kneipe, in die Gasse, in den Hof hinter dem Haus. Dorthin, wo es immer ein bisschen schmutzig, unordentlich und verwahrlost ist. Dabei ist Göppel kein Schimpfwort, sondern ein Liebesbeweis an das Praktische, das Unperfekte, das Unverwüstliche.

Der Göppel ist ein alemannisches Wort. Alemannisch ist dort, wo das Elsass, Schwaben und Baden und die Deutschschweiz ist. Dort ist es einfach der Göppel, und manchmal fast schon zärtlich das Göppele. In der Deutschschweiz ist es der Göppel und der Diminutiv hoppelt ein wenig mehr, es ist ´s Göppeli.

Der Göppel bezeichnet umgangssprachlich, und etwas abwertend ein klapperiges, altes Fahrzeug – sei es ein Fahrrad/Velo, Motorrad/Töff, ein Auto oder eine Seifenkiste – und an dem ständig etwas kaputt ist. Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum wir an solchen Dingen festhalten: Weil sie nicht so tun, als wären sie perfekt.

Göppel ist eine kleine Beleidigung. Jedenfalls in Süddeutschland und in Österreich, wo eine tollpatschige, ungeschickte, sich töricht verhaltende Person auch Göppel genannt wird. Es ist eher eine harmlose Bezeichnung, als eine strafrechtlich relevante Beleidigung.

Im Hochdeutschen bezeichnet Göpel ursprünglich eine alte Maschine oder Antriebsvorrichtung, die mit Tieren oder Menschen betrieben wurde (z. B. für Hebewerke im Bergbau oder in der Landwirtschaft). Göpel gab es bei den alten Ägyptern und irgendwann im Mittelalter auch in unseren Breiten – und ich bin mir sicher, irgendwas war auch dort immer zu tun.

Etymologisch geht der Göppel wahrscheinlich auf das Altsorbische zurück: „gybadło“ (Bewegungswerkzeug) leitet sich von slawisch „gibati“ (bewegen) ab.

Du merkst erst, wie sehr du an so einem Ding hängt, wenn es nicht mehr da ist. Oder wenn es morgens einfach nicht will. Dann stehst du plötzlich da, mitten in der perfekten Welt aus pünktlichen Bahnen, durchgetakteten Wegen und optimierten Abläufen – und stellst fest: Dein Göppel war das Einzige, das dich da rausgehalten hat. Der Göppel funktioniert nämlich nicht gut. Er funktioniert gerade so. Und genau das macht ihn frei.

Vielleicht ist der Göppel auch nur ein Beispiel, wie wir Wörter nutzen, um uns selbst zu beschreiben: Das, was nicht mehr neu ist, aber immer noch funktioniert. Das, was nicht perfekt, aber verlässlich ist. Nicht geschniegelt, nicht aalglatt, aber tragfähig, ehrlich und mit viel Geschichte.

Lesenswerte Quellen und Links

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