Auftritt Lina Rinke
(Teil 2)

Teil 2 nimmt die Spur auf, die Teil 1 gelegt hat: Es geht weiter – von Berlin über die Varietés Deutschlands bis ins Zürich der frühen 1900er Jahre. Fragwürdige Titel, reisefreudige Theaterbetriebe und eine zielstrebige Frau, die aus einem Namen ein Geschäftsmodell macht und sich nicht die Butter vom Brot nehmen lässt: Lina Rinke tritt auf – aus dem Nichts ist sie da.

Karolina/Caroline Dorothea Charlotte Rinke erblickt am 28. Juli 1871 in Niederschönhausen das Licht der Welt. Niederschönhausen ist heute Teil des Berliner Bezirks Pankow, damals eine Landgemeinde mit Gut und Dorf, Plantage und Schloss, mit oben und unten. Ein Ort, an den die Berliner strömen, wenn sie „idyllisches Landleben“ sehen wollen, ohne sich die Schuhe schmutzig zu machen. 1.488 Seelen leben dort im Jahr ihrer Geburt. Die Zukunftsaussichten für Lina? Schuften für die Herrschaften auf dem Gut, der Plantage oder im Schloss. Kein Ort für eine Lina Rinke!

Die ersten 29 Jahre von Lina Rinkes Leben liegen im Dunkeln: Keine Meldung, kein Artikel, kein Wort. Wo hat sie gesteckt? Was gemacht? Im Jahr 1900 betritt sie wortwörtlich die Bühne: Die Zeitungen vermelden am 2. Januar 1900:

„Die herzoglich Sachsen-Altenburg’sche Hofballettmeisterin Lina Rinke hat Ballet-Divertissements im Victoria-Salon in Dresden entworfen und arrangiert.“

Aha, eine Primaballerina und Hof-Ballettmeisterin! Das Theatergebäude in Altenburg entsteht erst 1901/02, eine Lina Rinke taucht in den Archiven nicht auf. Was nicht viel heißt, Frauen werden auch später gerne unterschlagen. Das Ballett an kleineren deutschen Stadttheatern verfügt meist nicht über eine eigene Ballettmeisterin, temporäre oder Gast-Tänzer:innen übernehmen den Part und sind eher Tanzmeister:innen. Hat Lina keine Lust mehr auf Saisonarbeit am Provinztheater und fühlt sich zu mehr berufen? Oder war sie nie Hofballettmeisterin? Später taucht der „Titel“ nämlich nie wieder auf.

Aber: Der Victoria-Salon in Dresden! Ein großes, bekanntes Varieté-Theater der Extraklasse: 1200 Plätze, elektrische Beleuchtung, elektrische Ventilation, eine Bühne von knapp 10 Metern Breite – damals Hightech pur und „First Class“.

Und was macht sie da? Ballett-Divertissements sind als leichte Unterhaltung, Zeitvertreib oder Zerstreuung für die ganze Familie zu verstehen: Lina Rinke präsentiert kurze Tanzeinlagen – alleine oder mit anderen – zur Auflockerung und Abwechslung der Vorstellungen, die meist Stunden dauern. Üblich sind ca. 10 bis 15 einzelne Auftritte aus unterschiedlichen Bereichen: Akrobatik, Gesang, Komik, Tanz, Bauchreden, Zauberei, Jonglieren gehören fast immer dazu.

In diesem Programm sind es eine Kostüm-Soubrette, ein ungarischer Geigenvirtuose, Excentrique und Spiegeltanz, ein Salonhumorist, die Sisters Leamy (eine Luftakrobaten-Truppe), Dinah Ciel (eine belgische Operettendiva), die Barrison Sisters (fünf Schwestern, die tanzen und singen) – und mittendrin Lina Rinke und „ihr“ Sylphiden-Ballett. (Wer sehen mag, wie das Sylphiden-Ballett 1903 aussah, empfehle ich diesen sehr anschaulichen, kurzen Vimeo-Film.)

Die Künstler und Künstlerinnen treten ein paar Abende in einem Theater auf, bevor die Tournee zum nächsten Theater in einer anderen Stadt weiterzieht, also Tingeltangel.

Und Frau Rinke kommt rum: Im Februar tritt sie mit Maskenballfest und Ballettphantomime im Walhalla-Theater in Halle an der Saale auf, im April ist sie in Duisburg, im Juni im Zentralhallen-Theater in Mülheim an der Ruhr, im Juli im Deutschen Theater in München, im September im Apollo-Theater in Mannheim und im Oktober in Karlsruhe.

Ein Zwischenstopp im reisefreudigen Jahr 1900 ist für Lina Rinke das Aufgebot in Halle an der Saale im Juli. Am 8.9.1900 heiratet sie in Mannheim Friedrich Wilhelm Max Semmler, der wie sie aus Niederschönhausen stammt, und als Beruf „Impressario“ angibt. Ein Kapitel für sich, erst einmal geht es gen Süden in die Schweiz: Am 19. September tritt sie mit „ihrem“ Sylphiden-Ballett am Apollo-Theater in Bern auf.

Die zweite Ballettmeisterin von Zürich

Die Schweiz scheint ihr zu gefallen – und in der Schweiz ist die Deutsche Lina Rinke mehr als willkommen und nicht allein. Dr. Emma Steiger, eine Schweizer Juristin und Frauenrechtlerin schreibt 1964 in ihrer Geschichte der Frauenarbeit in Zürich:

„Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg wurde das Zürcher wie die andern deutschschweizerischen Berufstheater nicht mehr nur von Deutschen, sondern auch so völlig in deutschem Geiste geführt, dass fast nur an den jedes Jahr im Theater stattfindenden Aufführungen der Dramatischen Vereine schweizerische Probleme zum Ausdruck und Schweizer zu Wort kamen. Ja man sprach damals den Schweizern oft rundweg die Eignung zum Dramatiker oder Schauspieler ab.“

Das Theater und das Ballett in Zürich um 1900 – ein Importprodukt. Deutsche Tänzerinnen, deutsche Besetzung, deutsche Leitung, deutsches Pathos, alles deutsch. 1910 stammen rund 21 Prozent der Zürcher Bevölkerung aus Deutschland. Vor 1914 gibt es kaum Beschränkungen der Zuwanderung, die Niederlassungsfreiheit ist groß und die deutschen Einwandernden tragen wesentlich zum dringend nötigen wirtschaftlichen Aufschwung bei.

Was in den nächsten Jahren folgt, und sicher auch für Frau Rinke spürbar ist, sind die kulturpessimistische Töne der „Überfremdung“, die mit der Zeit lauter werden: Die Arbeitenden fürchten den Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt, die Mittelschicht fühlt sich durch „die deutsche Elite“, steigende Armut, massive Wohnungsnot und der Anstieg von Krankheiten bedroht. Bis zum Ersten Weltkrieg wird die Situation für die Deutschen immer angespannter, danach ändert sich vieles.

Doch erst einmal beste Bedingungen für Lina Rinke und Max Semmler in Zürich! Dr. Emma Steiger notiert:

„Am Zürcher Stadttheater wurde erstmals im Winter 1900/01 eine Ballettmeisterin angestellt, und von 1902 an wirkte als solche während mehrerer Jahre Frau Lina Semmler-Rinke, an die sich wohl manche der älteren Leser und Leserinnen noch erinnern werden.“

Leider irrt Frau Steiger, denn im NZZ-Archiv finden sich Meldungen, die belegen, dass die (wahrscheinlich) erste Ballettmeisterin am Stadttheater Zürich Marietta Gobini ist. Die deutsche Tanzlehrerin und Primaballerina, die eigentlich Maria Grodt heißt, geht 1901 nach Magdeburg, 1902 wird Lina Rinke, wieder eine Deutsche, ihre Nachfolgerin als Ballettmeisterin – und bleibt es bis 1904. Die Presse ist voll des Lobes und im Feuilleton taucht Frau Rinke immer wieder auf. Erwähnenswert, dass sie „Fräulein Lina Rinke“ genannt wird, obgleich sie 31 Jahre alt und seit 1900 verheiratet ist.

Ballettaufführungen um 1900 sind nicht das, was wir heute unter Ballett verstehen, Ballett bedeutet eine Mischung unterschiedlicher Elemente und Tanzstile:

  • Einzelne Tanznummern und Tanzeinlagen ohne Zusammenhang während eines Festes oder einer Vorstellung
  • Charaktertanz und einzelne Tänze, die sich an traditionellen, folkloristischen Tänzen orientieren
  • Aufmärsche, Reigen und Polonaisen, z. B. Auftritte eines Hofstaates oder von Menschen, die Kostüme präsentieren

Die Tanzschule Lina Rinke

Wo leben die beiden? Im Oktober 1902 meldet die Presse im Bereich Adressänderungen: F. W. M. Semmler-Rinke, Feldeggstr. 29, Zürich. Im gleichen Jahr ist es die Seefeldstr. 76 – und Lina wird genannt: „Max Semmler, Bankbeamter. Lina Rinke, Balettmeisterin“ (ein L, zwei T). Im Januar 1903 wohnen sie in der Dufourstr. 80, im Mai 1903 in der Dufourstr. 36 und ab August 1903 in der Rämistr. 4 – hier wird auch im September 1904 erstmals die Tanzschule Semmler-Rinke erwähnt. Alle Adressen liegen sehr zentral in Zürich, fußläufig zur Oper Zürich und zum Zürich-See. Der Stadtteil Seefeld liegt am Anfang der sogenannten Goldküste, schon immer sehr schön und sehr teuer. Wo haben die beiden 1901 gelebt? War das Geld knapp und deswegen die vielen Umzüge?

Dr. Emma Steiger sagt:

„Die im Winter 1900/01 erstmals am Stadttheater angestellte Ballettmeisterin betätigte sich auch als erste selbständige Lehrerin für Gesellschaftstanz. Im Anfang unseres Jahrhunderts unterrichtete ferner die
frühere Ballettmeisterin Frau Semmler-Rinke zahlreiche Kinder und Erwachsene
im Ballett- wie im Gesellschaftstanz.“

Und Lina Rinke präsentiert alles, was eine klassische Ballettmeisterin zu bieten hat, nun auch in ihrer Tanzschule: Sie organisiert und inszeniert Ballettaufführungen, Bälle, besonders Maskenbälle mit Preisverleihungen, Polonaisen, Tanzkurse, Festspielaufführungen, Tanzwettbewerbe, Tanzgruppen, patriotische Schweizer Aufmärsche mit Kapellen und massenhaft Chörli-Auftritte. Lina Rinke ist sehr umtriebig und fleißig – und das für die nächsten Jahrzehnte.

Und es lohnt sich: In Zürich gibt es wenige Tanzlehrer, nicht eine Tanzlehrerin, und die meisten unterrichten lediglich nebenberuflich – eine Tanzschule ist neu. Zürich, auch damals schon eine teure Stadt, lohnt sich für das Ehepaar Semmler-Rinke, besonders in zentraler Lage am Bellevue. Oder wie Max Semmler später schreibt: eine Goldgrube. Darauf legen sie auch in ihren Werbeanzeigen viel Wert: „Tanzschule der guten Gesellschaft“ oder „Tanzkurse für Akademiker“ (Studenten der ETH Zürich und Universität Zürich bekommen 20 % Vergünstigungskommission“) oder „Tanzclub für distinguierte Damen und Herren“.

Rämistrasse 4 zürich

Foto der Rämi-Straße (mit ß!) in Zürich im Jahr 1912; links an der Hauswand der Hinweis auf die Tanzschule Semmler-Rinke (natürlich in Großbuchstaben): Link zum Original-Foto

Die Tanzschule scheint zu florieren – viele, sehr viele Meldungen über Veranstaltungen, Bälle und Auftritte sind in den Archiven der NZZ vorhanden – und ebenso viele Werbeanzeigen für die Tanzschule. Es läuft so gut, dass sich Lina Rinke und Max Semmler am 29. Juni 1908 einbürgern lassen. Das kostet 400 Schweizer Franken „Einkaufsgebühr“ und 250 Schweizer Franken „Landrechtsgebühr“.

Das entspricht heute etwa 4.500 Schweizer Franken bzw. damals dem Lohn eines Fabrikarbeiters von 2 bis 3 Jahren oder dem Jahresgehalt eines Beamten. Erstaunlich schnell geht das, denn sonst wird von den Behörden eine langjährige Niederlassung von 10 bis 15 Jahren gefordert, Max und Lina sind erst seit ca. 7 Jahren in Zürich. Aber sie haben Geld.

Im 3. Teil geht es weiter – mit Kallisthenie, Anmutslehre, Geschäftstüchtigkeit und dem Leben der Frau Lina Rinke: Anmutslehre und Bubikopf (Teil 3)

Lesenswerte Links und Quellen

Sämtliche, online vorhandene Adressbücher der Stadt Zürich
Centre national de la danse: Dansons ! Magazine mensuel (Unbedingt anschauen!)
Frauenarbeit in Musik, Theater, Tanz, Schaustellungen, Film, Radio, Fernsehen (1960)
Hessisches Staatsarchiv Marburg
Sächsische Landesbibliothek: Neueste Nachrichten, Dresden
Schweizer Spiegel, Band 17, Heft 4
Baugeschichtliches Archiv der ETH Zürich
NZZ-Archiv
Emma Steiger
NZZ: 16.09.1991 „Leni Rinke“
Eine Geschichte der Zu- und Auswanderung
Dresdener Journal (02.01.1900), Saale-Zeitung/Hallesche Neueste Nachrichten (03.02.1900), Ruhrorter Zeitung (18.04.1900), Mülheimer Zeitung (01.06.1900), Münchner Neueste Nachrichten (18.07.1900), Badische Landeszeitung (01.10.1900), Oldenburger Zeitung (25.09.1923), Berliner Börsenzeitung (15.10.1924), Volksblatt Halle Saale (06.06.1925), Saale-Zeitung (10.07.1900), Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger (29.10.1910), Hannoverscher Kurier (04.11.1909) via Deutsches Zeitungsportal (wunderbar für Recherchen)
Neue Zürcher Nachrichten, Nummer 297, 20. Dezember 1956 Ausgabe 04
Theaterarchiv Dresden
Historisches Lexikon der Schweiz
Administrative Versorgung
Luzerner Tagblatt (62. Jahrgang) 1913
Watson: Bubikopf oder Trachtenhut?
eMuseum: Museum für Gestaltung Zürich/Archiv Zürcher Hochschule der Künste
Autogymnast im Industriemuseum Chemnitz

Wer den 1. Teil verpasst hat: Die ungenierten Privatsäle der Frau Rinke
(Teil 1)

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