England, Lincolnshire, in den Fens: Das Licht ist matt, die Landschaft weit und der Himmel scheint zu überlegen, ob er heute eher nach Regen oder Resignation aussehen will. Der Februar ist in dieser Gegend ein Monat des trüben Wartens und der kahlen Zwischenzeit. Es ist keine Zeit für Leichtigkeit. Und schon gar nicht für Mauersegler und Schwalben.
Kein eleganter Luftverkehr, kein fröhliches Schwalbenprogramm, kein saisonales Vogelballett. Da ist Winter. Wer trotzdem Mauersegler einbaut, zeigt sehr viel Vertrauen in die Nachsicht der Lesenden. Wer Anfang Februar Flugakrobatik und Zugvogelgesang unterbringt, hat den falschen Monat erwischt. Doch genau das macht Martha Grimes: Mauersegler und Schwalben fliegen umher und tun so, als sei ein Februar in England bloß eine optionale Empfehlung.
Das ist der Moment, in dem aufmerksame Lesende kurz innehalten und denken: Wirklich? Jetzt schon? Im britischen Spätwinter? In den Fens? Die Antwort lautet natürlich nein. Da ist noch kein Flugverkehr, da ist höchstens Wind, wahrscheinlich Nässe und jene geduldige Tristesse, aus der Kriminalromane gern ihr atmosphärisches Kapital schlagen. Zugvögel gehören da nicht hin. Sie sind einfach nicht da. Sie kommen später.
Meine Martha Grimes! Ihre Bücher kann ich seit Jahrzehnten immer wieder lesen und entdecke immer wieder Details: Manche sind klug, manche amüsant und manche inkohärent – und nun das! Die meisten Irrtümer sind natürlich unspektakulär: ein falscher Name, eine kleine zeitliche Unstimmigkeit. Im falschen Monat Schwalben und Mauersegler auffliegen zu lassen, das ist ein ornithologischer Lapsus, ein kleiner ästhetischer Zwischenfall und kein literarischer Skandal.
Ich könnte sagen: Na und? Ein Detail, weiter nichts. Doch Literatur lebt von Details, und wer mit ihnen spielt, muss auch mit ihnen leben. Ein Roman, der seine Welt mit Akribie, Atmosphäre und Lokalkolorit ausstattet, sollte sich nicht ausgerechnet bei den Zugvögeln in die Kurve legen.
Natürlich darf Literatur frei sein. Sie darf übertreiben, verdichten, verschieben. Doch gerade der Krimi, der auf Genauigkeit setzt, hat ein besonderes Verhältnis zur Wirklichkeit. Dann steht plötzlich nicht mehr die Handlung im Vordergrund, sondern die Frage, wer hier eigentlich nicht hingehört. Literatur kann sich vieles leisten. Nur der Februar verzeiht keine Schwalbe zu früh.
Das Gemeine an solchen Fehlern ist ja nicht, dass sie laut sind. Sie sind leise. Sie sitzen im Satz, flattern kurz auf und verraten sich. Der Fehler ist beiläufig falsch. Einer sieht’s nicht, die andere auch nicht, und am Ende fliegen Schwalbe und Mauersegler im Februar. Solche Details verraten, ob ein Text die Natur wirklich sieht oder nur dekorativ auf sie zeigt. Der Fehler ist klein, doch er stört. Mich jedenfalls.
Ich lese weiter, natürlich, aber in meinem Kopf bleibt etwas und fragt, wer hier eigentlich den Februar so großzügig behandelt hat? Eine Martha Grimes ist keine Ornithologin, ihre Übersetzerin auch nicht. Auch Lektorat und Verlag können mal pennen. Aber in einem Roman sollte wenigstens jemand wissen, wann Vögel da sind und wann nicht. Sonst wirkt das nicht poetisch, sondern schlampig. Und Schlampigkeit im Krimi ist ein bisschen wie Krümel im Bett: nicht gefährlich, aber unerquicklich und schwer zu verzeihen. Ein Ausrutscher als kollektive ornithologische Betriebsblindheit.
Und vielleicht ist genau das die unausgesprochene Wahrheit guter Krimis: die kleinen Unwahrscheinlichkeiten. Sie kommen leise, setzen sich zwischen die Zeilen und warten darauf, dass jemand sie bemerkt. Diese hier allerdings ist nicht zu übersehen. Sie trägt Federn. Und vielleicht ist das die eigentliche Pointe: Der Vogel bleibt am Ende in meinem Gedächtnis. Ein Vogel, der zu früh da ist.