Die ungenierten Privatsäle der Frau Rinke
(Teil 1)

Zürich, 1922. Die Stadt riecht nach Aufbruch. Nach Dada und Jazz, nach Bohème und Bohnerwachs. Der 1. Weltkrieg ist vorbei, die wilden 20er sind da. Und mittendrin eine Dame namens Lina Rinke – geschäftstüchtig, resolut und von jener Sorte Mensch, die glaubt, ein Tänzchen könne die Welt ein wenig gerader drehen.

An der Rämistrasse 4, gleich neben dem eleganten Bellevue-Hotel, wo heute die Kronenhalle ist, bietet ihre Tanzschule „Kurse und Einzelunterricht zu jeder Zeit, besonders geeignet für ältere Damen und Herren, da ungenierte Privatsäle“ an.

Sekunde, „ungenierte Privatsäle“? Senioren-Schämtanz? Darkroom mit Polstermöbeln?

Die ungehemmte Personifizierung von unbelebten Substantiven

In Zürich genieren sich nicht die Menschen – das wäre ja unschön, fast schon unanständig – die Privatsäle tun es. Das klingt besser! So schön indirekt! Dabei ist ein Saal ein unbelebtes Objekt und kann gar nicht verlegen sein. Aber einen Menschen, schon gar nicht eine Dame oder einen Herrn, nennen wir in der Schweiz nicht genant. Das wäre unangenehm und peinlich. Ein Tanzsaal kennt keine Gefühle – und so wirkt der Saal nicht förmlich, dafür locker und einladend! Da kann jede Dame und jeder Herr hingehen und muss weder Hemmungen noch Bewertung fürchten!

Frau Rinke ist geschäftstüchtig, sie versteht ihr Publikum. Sie weiß, wie die Menschen in der Schweiz ticken: Manche betreten die Tanzfläche nur, wenn der Arzt ausdrücklich Bewegung verschrieben hat und niemand zuschaut. Und so wirbt sie mit dem schönen Versprechen „Ungenierte Tanzsäle“ – was in Wahrheit bedeutet: Hier dürfen Sie sein! Hier können Sie sich würdevoll enthemmen! Hier können Sie ohne jede Eitelkeit zwei linke Füße haben.

Diese Personifikation oder Übertragung menschlicher Eigenschaften ist heute noch in der Deutschschweiz gebräuchlich und stark vertreten, doch auch wir „in den nördlichen Gefilden“ kennen es: Die Stadt schläft. Der Asphalt brennt. Der Berg ruft. Der Himmel weint. Vielleicht klingt die Kombination „ungenierte Privatsäle“ ungewohnt, sogar anrüchig, doch möglich ist sie.

Die ungenierten Dinge der Frau Rinke und der Deutschschweiz sind geklärt. Doch ich habe recherchiert, ziemlich viel, um ehrlich zu sein, daher geht es weiter mit Teil 2: Auftritt Lina Rinke

PS: 1904 wirbt Lina Rinke mit „völlig ungenierter Unterricht in meinem Privatsaal“ und in den 1930ern mehrfach mit „netten Tanzkursen“ und „sehr netten Tanzkursen für liebe Kinder“.

Lesenswerte Links und Quellen

Sämtliche, online vorhandene Adressbücher der Stadt Zürich
Centre national de la danse: Dansons ! Magazine mensuel (Unbedingt anschauen!)
Frauenarbeit in Musik, Theater, Tanz, Schaustellungen, Film, Radio, Fernsehen (1960)
Hessisches Staatsarchiv Marburg
Sächsische Landesbibliothek: Neueste Nachrichten, Dresden
Schweizer Spiegel, Band 17, Heft 4
Baugeschichtliches Archiv der ETH Zürich
NZZ-Archiv
Emma Steiger
NZZ: 16.09.1991 „Leni Rinke“
Eine Geschichte der Zu- und Auswanderung
Dresdener Journal (02.01.1900), Saale-Zeitung/Hallesche Neueste Nachrichten (03.02.1900), Ruhrorter Zeitung (18.04.1900), Mülheimer Zeitung (01.06.1900), Münchner Neueste Nachrichten (18.07.1900), Badische Landeszeitung (01.10.1900), Oldenburger Zeitung (25.09.1923), Berliner Börsenzeitung (15.10.1924), Volksblatt Halle Saale (06.06.1925), Saale-Zeitung (10.07.1900), Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger (29.10.1910), Hannoverscher Kurier (04.11.1909) via Deutsches Zeitungsportal (wunderbar für Recherchen)
Neue Zürcher Nachrichten, Nummer 297, 20. Dezember 1956 Ausgabe 04
Theaterarchiv Dresden
Historisches Lexikon der Schweiz
Administrative Versorgung
Luzerner Tagblatt (62. Jahrgang) 1913
Watson: Bubikopf oder Trachtenhut?
eMuseum: Museum für Gestaltung Zürich/Archiv Zürcher Hochschule der Künste
Autogymnast im Industriemuseum Chemnitz

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