Schöner schimpfen mit Opa: Schakreff perunje!
Mein Opa war ein patenter Mann! Es gab wenig, was er nicht konnte. Kartoffeln schälen? Keine Frage, Opa war im Haushalt zu allem zu gebrauchen. Schuhe reparieren? Als Sohn eines Schusters machte er das. Meine Buntstifte ohne Anspitzer anspitzen? Opa zog das Taschenmesser und los ging es!
Aber einmal ging das schief – er schnitt sich in den Finger und ihm entfuhr „Schakreff perunje“! Das war neu für mich. Das kannte ich nicht. Aber eine Erklärung bekam ich nicht. Opa kannte sie vielleicht, aber Oma meinte, ich solle solche Wörter ganz schnell wieder vergessen. Heute fielen mir diese Schimpfwörter wieder ein – und heute will ich eine Erklärung!
Es fängt damit an, dass „Schakreff perunje!“ die wasserpolnische Variante des Gefluches ist. Opa, gebürtig aus Ostpreußen, sagte „Schakreff!“ oder „Schakreff perunje!“, was in Hinterpommern zu verorten ist. Die ostpreußische Variante ist „Pschakreff!“, die Opa nicht benutzte – wer weiß, wo Opa es aufgegabelt hat.
Ordnungsgemäß heißt es „Pschakrew“ oder „Psiakrew“ und ist ein mehr oder weniger vulgäres Schimpfwort aus dem Polnischen. Wortwörtlich bedeutet es „Hundeblut“ und entspricht „Verdammt!“ oder „Ach Mist!“. (Kein Vergleich zu Opas ordinärem Vulgärfluch „Kurwa!“)
In der „slawischen Fluchkultur“, schreibt Anna-Maria Meyer, taucht die „unehrenhafte Abstammung“ in Form von „Psiakrew!“ und „Psiajucha“ auf. Im Polnischen gibt es auch „Hundebein“, „Hundeknochen“ und „Hundeseele“ als Flüche.
Ein Hund gilt historisch als unrein, sein Blut als noch viel unreiner. Warum das so ist, kann ich nicht sagen. Aber Hunde zu verunglimpfen ist nicht neu, wir kennen „Hundesohn“, „Son of a bitch“, „Schweinehund“, „Blöder Hund“ und auch „Hundsfott“ (wobei „fott“ Vulva einer Hündin bedeutet) – Schimpfwörter mit Hunden scheinen schon immer recht beliebt zu sein.
„Perunje“ ist auch eine Verwässerung, denn es heißt „Pieronie“, was sich vom obersten und mächtigsten Gott der slawischen Mythologie herleitet. Perun ist der Herrscher des Universums, des Himmels und der Gott des Gewitters, inklusive Blitz und Donner. Sein Name leitet sich von der slawischen Wurzel „per-“ ab und bedeutet „der stark Schlagende“. Er entspricht dem nordischen Thor und dem griechischen Zeus.
Die Parallelen zu Thor gehen weiter: Perun ist der Hüter von Recht und Ordnung und der Schutzherr der Herrscher, Krieger und Ritter. Seine Hauptwaffen sind eine mächtige Kriegsaxt (mit der er Blitze erzeugt) und auch Pfeil und Bogen. Die Eiche ist sein heiliger Baum, seine Blume die blaue Schwertlilie (Iris) und der Donnerstag ihm gewidmet.
Perun soll in anderen Schimpfwörtern auf jemanden schießen, jemanden verbrennen oder jemanden schlagen – er ist halt der mächtigste Gott. „U pioruna!“ bedeutet „Geh doch zum Perun!“ oder „Beim Perun!“. Perun muss auch herhalten, wenn im Polnisch-Schlesischen-Gemisch halt beleidigend, halb bewundernd „Du Mistkerl“ gesagt wird: „Ty pierunie“ oder „Ty pieronie“. In Redewendungen lebt er als „Donnerwetter“-Element fort: „Niech cię piorun trzaśnie!” („Dich soll der Blitz treffen!”), „Do stu piorunów!” („Zum Donnerwetter noch mal!”).
Opas „Schakreff perunje“ bedeutet wörtlich übersetzt „Hundeblut des Perun“ und reiht sich wohl in eine recht alte Tradition des Schimpfens ein. Der Gott Perun mit Hundeblut kombiniert, ergibt eine Art „doppelter Fluch“: unreines Tier + göttliche Strafenergie.
Kleiner Exkurs: Wasserpolnisch
Wasserpolnisch ist für Linguist:innen eine spannende Sache: Wasserpolnisch ist ein lokaler oberschlesischer Dialekt oder Ethnolekt in Tschechisch-Schlesien. Gelegentlich wird der Begriff auch für das Masurische in Ostpreußen verwendet, also da wo Opa herkommt. Janusz Siatkowski zitiert:
„Versuche herauszukriegen, was das eigentlich ist: Wasserpolnisch. Bekomme die überraschendsten Antworten. Und die verwirrendsten. Eine einheitliche Deutung gibt es da nicht. Auch was darüber geschrieben und gedruckt wurde, ist eher hilflos. Es ist kein Dialekt, auch keine eigene Sprache, eher Deutsch mit polnischer Syntax und (zufällig?) eingestreuten polnischen Wörtern …“
Wasserpolnisch wird meist pejorativ, also als „verdorben“ oder „unrein“ gesehen.
„Die pejorative Bedeutung kam erst im 19. Jh. auf, früher meinte man mit Wasserpolnisch das schlesische Polnisch jenseits (am rechten Ufer) der Oder. In Wirklichkeit finden sich auf dieser Liste polnische Wörter (allgemeinpolnische und Dialektausdrücke), Entlehnungen aus der deutschen Sprache, die auf polnischem Boden umgestaltet wurden, sowie deutsche Dialekt- und Jargonausdrücke.“
Also wie bei meinem Opa – ein Gemisch von dem und diesen.
Lesenswerte Links und Quellen
Janusz Siatkowski: Slawismen in den schlesischen Romanen von Horst Bienek
Wikipedia: Perun
Anna-Maria Meyer: A niech to wszyscy diabli! – Polnisches Fluchen und Verfluchen im allgemeinslavischen Kontext